Mittwoch, 25. Februar 2015

Gedanken einer (werdenden) Mutter...

Vor einigen Tagen klickte ich in meinem Facebook-Feed der Zeitschrift EMMA in diesen Artikel über das Thema Kaiserschnitt vs. natürliche Geburt. Seitdem kreisen meine Gedanken (und Gefühle!) um dieses Thema. Ich versuche sie jetzt und hier in Worte zu fassen und dann endlich mit dem Thema abzuschließen.

Ich bin derzeit in der 32ten Woche schwanger, und ich habe vor einigen Wochen beschlossen mein drittes Kind in einem Geburtshaus zur Welt zu bringen. Meine Mutter hat dazu nichts gesagt; ihrem Blick - eine Mischung aus Panik, Angst und höchsten Bedenken - war auch nichts mehr hinzuzufügen. Ich denke, sie hat Angst, weil sie sich einfach meine Statistik anguckt: Mein erstes Kind kam per Notkaiserschnitt, das zweite mit der Saugglocke zur Welt. Fast wäre die zweite Geburt auch per Kaiserschnitt beendet worden und hätte wohl - sofern meine Gebärfähigkeit durch einen erneuten Kaiserschnitt und dessen Folgen nicht nachteilig beeinflusst worden wäre - auch den Weg weiterer Geburten vorgezeichnet.

Dabei hatte ich mir schon bei der ersten Geburt alles, nur keinen Kaiserschnitt, vorgestellt. Ich komme heute - nachdem ich durch diese OP aller Babyfreude zum Trotz durch ein tiefes, emotionales Tal aus Schuld- und Versagensgefühlen gegangen bin - zu dem Schluss, dass ich schlicht und ergreifend physisch und psychisch zu wenig auf die Geburt vorbereitet war.

In dem Punkt hat der verlinkte EMMA-Artikel fast Recht: Kaiserschnitt-Mütter leiden unter einem schlechten Gewissen, Versagensgefühlen und Schuld. Die Gründe dafür liegen hierfür meiner Meinung nach in unserer Leistungsgesellschaft begründet, in der prominente Vorbilder sozusagen im Vorbeigehen ihre Kinder gebären und am nächsten Tag schon im Fitnessstudio auf dem Stepper in die Kameras grinsen - selbstverständlich mit dem strahlenden super-gute-Laune-Baby im Manduca vor die Brust geschnallt.

Die Lösung kann jetzt aber nicht der Kaiserschnitt für alle sein! 

Wir, die wir Kinder zur Welt gebracht haben (wir alle - die mit der "natürlichen" UND mit der "Kaiserschnitt"-Geburt) wissen, dass es nicht so einfach ist. Es macht mich traurig, wie schnell bei den FB-Kommentaren (Artikel wurde mittlerweile entfernt) und bei Emma eine handfeste, teils hochpolemische und beleidigende Debatte entbrannt ist. Und ich finde es sehr schade, dass eine Zeitschrift, die sich für Frauenrechte einsetzt, es nötig hat Mütter so gegeneinander auszuspielen. Besagter Artikel ist einseitig und schlecht recherchiert. Er gießt überdies Öl in ein Feuer, das gar nicht brennen müsste.

Leider geht es nach dem Geburtsmodus-Thema ja weiter: Mütter teilen sich in Still-Mütter und Nicht-Still-Mütter, in Ein-Kind- oder Mehr-Kind-Mütter. Hat sie nur Töchter? Nur Söhne? Geht sie arbeiten? Nur halbtags oder Vollzeit? Ist sie was Höheres @work? Aber die hat doch bestimmt ein Kindermädchen! Der Contest geht dann irgendwann auf dem Spielplatz, im Kindergarten, in der Schule weiter; über Klamotten, elektronische Accessoires usw.

Jede Mutter beneidet eine andere um irgendwas - kaum eine schafft es wirklich ausnahmslos selbstbewusst und glücklich mit ihrem Kind und ihrem Leben zu sein! Warum? Weil eine riesige Auswahl an Elternzeitschriften und Mütterratgebern und neuerdings auch Emma die Solidarität der Mütter untereinander systematisch untergraben.


Aber zurück zu dem Artikel, der mir so sauer aufgestoßen ist: Ich frage mich, wo der Zusammenhang zum Feminismus sein soll, wenn der Kaiserschnitt verherrlicht und die natürliche Geburt entgöttlicht wird? Die Frauenforschung (soweit ich noch im Bilde bin, is ne Weile her) hat aufgedeckt, dass die gesellschaftliche Struktur der hegemonialen Männlichkeit grundsätzlich dem Mann die Kultur, Technik, Logik zuschreibt, und der Frau die Natur. Ganz grob gefasst. Feministinnen wehren sich gegen diese Zuschreibung, und das in vielen Dingen zu Recht! Beim Thema Geburt und Mutterschaft, scheint mir, schießt Emma über das Ziel hinaus - man kann den Artikel fast so interpretieren, dass die letzte Zuschreibung der Natur auf die Frau - nämlich Schwangerschaft und Geburt - durch den Kaiserschnitt gelöst werden soll.

Aber, liebe Emma-Redaktion, liebe Frau Dr. Lenzen-Schulte, liebe Radikalfeministinnen: Wir kriegen nunmal die Kinder! Und es gibt unglaublich viele Frauen in diesem Land, die dies GERN tun! Ich persönlich FREUE mich auf die Geburt meines dritten Kindes. Ich bin sogar offen für eine vierte Schwangerschaft. Der Kaiserschnitt als "Königsweg" wie die Autorin auch ihr Buch zum Thema betitelt hat, ist dafür nicht die Lösung. Viele Hebammen und Frauen, die sich in den Kommentaren gemeldet haben, haben Belege in die Diskussion eingebracht, die zeigen, welch katastrophale Folgen, besonders für Folgeschwangerschaften, ein Kaiserschnitt haben kann.

Daraus kann man aber auch nicht schließen - liebe überzeugte "Natural Birth"-Mamas - dass die natürliche Geburt immer das Beste für Mutter und Kind ist. Versteht mich nicht falsch - ich gehöre durchaus zu denen, die eine natürliche Geburt dem Kaiserschnitt vorziehen; für mich ist die Geburt meines Kindes ein Fest - und Wehen und Schmerzen gehören nunmal dazu. Ich freue mich auf die Wehen (ok, wenn es soweit ist, fragt mich bitte nicht). Ich sehe sie als Quelle der Kraft, und ja - für mich ist es auch ein Erfolg mein Kind auf natürlichem, möglichst ärztefreien, Weg zur Welt zu bringen.
Das ist aber nicht für jede Frau so. Und in einer Zeit, in der wir schon bei einem Schnupfen zu Antibiotika greifen, wundert es mich wenig, dass viele Frauen von der Vorstellung stundenlanger Wehen und Schmerzen schon vor Angst davor in einen komaähnlichen Zustand mit Tunnelblick verfallen. Es ist doch einfach so: Wir alle sind anders, genau wie unsere Kinder später. Und wir alle haben eine andere Schmerzgrenze. Wir alle haben vor anderen Dingen Angst. Das Problem entsteht dann, wenn man aus Angst heraus Entscheidungen trifft.

Leider ist in punkto Angst der Emma-Artikel wenig hilfreich, denn er verbreitet Angst und Schrecken vor den Folgen einer vaginalen Geburt und vor Schmerzen, die man angeblich mit einem Kaiserschnitt umgehen kann (was nicht stimmt: Ich konnte mich erst sechs Wochen danach einigermaßen schmerzfrei bewegen und vor allem: meine Tochter ohne Schmerzen auf dem Arm halten; und bei vielen anderen dauerte der Heilungsprozess wesentlich länger. Ich kann schon von Glück reden, dass ich nur ne eitrige Wunde hatte, aber sonst keine Komplikationen...).

Ernsthafte Geburtsverletzungen sollten bei dieser Diskussion nicht unter den Tisch fallen, genausowenig wie die Kreißsaal-Realität. Ich kenne Frauen, die angesichts ihrer Verletzungen lieber einen Kaiserschnitt gehabt hätten. Ob die eine ein höheres Risiko auf diese oder jene Geburtsverletzung hat, vermag ich nicht abzuschätzen. Auch Dammmassage und Beckenbodentraining vor und nach der Geburt können nicht allem vorbeugen oder wiedergutmachen, wenn ein Teil des Beckenbodenmuskels schlichtweg durchgerissen ist. Da kann man auch nichts mehr dran schönreden.

In meiner Idealvorstellung hätte ich damals, bei meiner ersten Geburt, schon gewusst, was eine Geburt bedeutet. Leider klären einen auch Geburtsvorbereitungskurse nicht wirklich auf; Eltern- und Schwangerenratgeber noch weniger - "In welcher Stellung wollen Sie gebären?" fragt mich auch heute meine Schwangeren-App aufm Smartphone. Ganz ehrlich, bei solchen Beiträgen würde ich lachen, wäre die Realtität nicht so bitter für so viele Frauen. Denn, einmal mit PDA im Kreißsaal, liegt man dann da auf dem Kreißbett wie Gregor Samsa nach der Verwandlung, egal in welcher Stellung man gerne entbunden hätte. Man hängt am Tropf und am CTG und bekommt einen Katheder - rumlaufen ist schon von der Versicherung nicht erlaubt, allein auf Klo erst recht nicht. Entbunden wird dann am Ende in einer der schlechtesten Ausgangslagen: auf dem Rücken liegend - buchstäblich und nachgewiesenermaßen ein offenes Tor für nachhaltige Schäden von Beckenboden und Scheide.

Leider waren mir diese Dimensionen vor meiner ersten Geburt nicht bewusst. Schon nach dieser Erfahrung wusste ich instinktiv, dass wir statt PDA, wehenfördernden Mittel und einem Cocktail zur Abschwächung der Nebenwirkungen einfach mehr Zeit und Ruhe gebraucht hätten. Aber ich hatte schon sehr lange Wehen, und ich war ein bisschen enttäuscht von mir selbst, dass trotz einer stundenlangen Eröffnungsphase der Muttermund nur ganz langsam aufging - zu langsam, wenn man das Credo "1cm pro Stunde" im Hinterkopf hat und in mitleidende Gesichter von Hebammen und Ärzten guckt.
Heute sind die Richtlinien übrigens geändert. Vor 6cm Muttermund hat die Geburt demnach noch gar nicht begonnen, auch wenn es vorher schon weh tut. Hätte ich mich damals anders entschieden? Ich hatte Schmerzen, ich war frustriert und verunsichert, und ich hatte die Möglichkeit die Schmerzen mit einer PDA auszuschalten. Ich bin nicht die erste, die diese Entscheidung in der Situation getroffen hat.

Neulich kamen wir im Geburtsvorbereitungskurs darauf, und die Hebamme erklärte uns, dass genau dieser Cocktail aus PDA und weiteren Mitteln zur Wehenförderung in der Regel entweder von der Mutter oder vom Kind nicht vertragen werden, ergo kommt es zu einem turbulenten CTG, das die Ärzte dann irgendwann nervös macht und alle Beteiligten antreibt die Geburt möglichst schnell zum Ende zu führen. Komisch, genau das ist bei meiner ersten Geburt passiert. Die Diagnose und Begründung für den Kaiserschnitt war Geburtsstillstand und schlechte Herztöne beim Kind. Und es wurde ein Missverhältnis von Kindskopf und Becken vermutet. Diese drei Befunde sind statistisch gesehen die häufigsten bei einem Notkaiserschnitt. Meine Tochter hat beim Apgar-Test übrigens drei Mal 10 Punkte geholt. Sie war topfit.

Ich schließe daraus, dass der Kaiserschnitt in meinem Fall unnötig war.

Aber wie gesagt - ich hatte meine Schmerzgrenze erreicht, und ich wusste nicht, was der Wunsch nach dem Allheilmittel PDA für einen Rattenschwanz nach sich ziehen würde. Auch bei der zweiten Geburt stand ich - obwohl ich vorher feierlich erklärt habe, dass ich keine PDA will - irgendwann an diesem Punkt, an dem ich nicht mehr wollte und nicht mehr konnte. Eine schmerzfreie, natürliche Geburt kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen. Die PDA hat mir beim zweiten Mal Zeit erkauft, die ich auch brauchte um es am Ende dann wenigstens mit Saugglocke zu schaffen.
Was ich jetzt aber endlich weiß: Die PDA und wehenfördernde Mittel helfen nur bedingt. Die Wehen sind künstlich, keine "richtigen" Wehen, mit denen man unter der Geburt ja arbeitet.

Ja, das ist hart. Das wird hart. Zumindest bin ich jetzt besser vorbereitet - mental und auch physisch durch meinen Schwangeren-Yogakurs, der mir jeden Mittwoch Mut macht und mich mental erdet.
Und jetzt freue ich mich auf die Geburt meines dritten Kindes in einem Geburtshaus, wo ich schon jetzt ganz individuell beraten und betreut werde. Ich arbeite darauf hin, dass wir es diese Geburt - egal wie lange sie dauert - gut und ohne das Eingreifen von Ärzten überstehen.

Sonja



Kommentare:

  1. Du machst das schon!
    Kennst du den Hebammenblog?

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    1. Hallo Seifenfrau,

      vielen Dank :). Ich bin eigentlich ganz zuversichtlich - dieser Artikel hatte mich allerdings mehr ins Grübeln gestürzt, als mir lieb war. Aber ich weiß, dass ich bei dem Hebammenteam im Geburtshaus und bei meiner Yoga-Hebamme gut aufgehoben bin. Die strahlen alle soviel Zuversicht aus, das ist schon ansteckend.
      Und die kleine Maus in meinem Bauch ist auch schon so fit und irgendwie auch gut drauf, dass ich sehr optimistisch und voller Vorfreude an die Geburt denke :).

      Den Hebammenblog kenne ich noch nicht, werde ich gleich mal googlen... :)

      LG,
      Sonja

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  2. Ich habe den Emma-Artikel jetzt nur zur Hälfte gelesen, aber ich verstehe, was du meinst.
    Die Geburt eines Kindes ist das absolut persönlichste im Leben - meine Meinung dazu. Niemand hat das Recht jemanden zu verurteilen, egal für welche Entbindungsart. Vielleicht versucht der Artikel einfach nur eine Lanze zu brechen für "Kaiserschnitt-Mamis" mit Schuldgefühlen und möchte ihnen den Rücken stärken - macht das aber leider auf Kosten der "Natürliche-Geburt-Mamis". Egal wie, ich finde den Artikel nicht wirklich gut.

    Ich selbst habe vor der Geburt meiner Tochter keinen Geburtstvorbereitungskurs gemacht, ich hatte nichtmal eine Hebamme vorher. Ich wusste also nur das, was mir eine Freundin über die Geburt ihres Sohnes erzählt hat. Im Nachhinein betrachtet, war das ziemlich wahnsinnig, aber auch das Beste, was mir passieren konnte. Möglicherweise war es deshalb fast eine Bilderbuchgeburt. Klar hatte ich ziemlich schmerzhafte Geburtsverletzungen, aber auch die verheilen. Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommen KÖNNTE, dann wäre ich möglicherweise nicht so aufgeschlossen an alles rangegangen. ;-)

    Lass dich nicht von so doofen Artikeln verunsichern oder wütend machen. Ich wünsche dir (euch!) alles Gute und eine stressfreie Geburt an einem Ort, an dem du dich rundum wohlfühlst. :-)

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